In Bayern ist in dieser Zeit die große Entwicklung aller politischen Kommunikation wie in einer Laborsituation zu beobachten. Sie wird in den kommenden zwei Jahren Veränderungen erfahren, die andernorts Jahrzehnte beansprucht haben. Der plötzliche Schritt vom Alten ins Neue ist zwei Umständen geschuldet: Dem Umbruch vom gefühlten Ein- zum Mehrparteiensystem und der neuen Transparenz aller politischen Handlungen, die der mit Social Media ausgestattete diskussionsbereite Bürger herzustellen jederzeit im Stande ist.
In Bayern gab es bisher ein sehr konstantes politisches Kräftesystem – das sich nun langsam verändert. Auf dieses Phänomen treffen nun die beiden großen Entwicklungsstränge der politischen Kommunikation, die Bayern nun im Zeitraffer erlebt. Zum einen ist dies die Flexibilisierung des Parteiensystems in einer bisher ungekannten Dynamik. Die Freien Wähler stillten schon bei der letzten Wahl in Bayern ein Rebellionsbedürfnis ohne, dass der Wähler die Fahne gleich ganz hätte verlassen müssen und suchen nun auf neuen Ebenen ihr Glück. Die Piraten werden nicht nur in Berlin zu einer festen Größe – zumindest kommunikativ. Die FDP sucht sich zu retten, die Linke ist noch immer da und die Grünen stark wie nie. Der Abschied vom Modell der Volkspartei steht bevor. Zudem gibt es – auch in Bayern – eine neue Offenheit gegenüber neuen politischen Konstellationen. Ein 26-jähriger, schwuler, evangelischer Landrat im Bayerischen Wald ist nur ein Beispiel dafür. Dies stellt die politische Kommunikation inhaltlich und methodisch vor neue Aufgaben.
Auf der anderen Seite der zweite Entwicklungsstrang: Die neuen Medien, Online-Nachrichten in Echtzeit ständig für jeden, Soziale Netzwerke mit stetiger Vernetzung und direktem Anschluss an die klassischen Medien, selbstbewusste Bürger mit der Möglichkeit sich jederzeit zu verbinden und Öffentlichkeit herzustellen, müssen mitgedacht und in der Umsetzung berücksichtigt werden. Jedes kleinste Vorhaben der Infrastrukturentwicklung ruft Protestbewegungen hervor, die Einfluss auf die politischen Entscheider haben und den Mut zu unpopulären Projekten massiv bremsen.
Diese Entwicklungen werden in den nächsten anderthalb Jahren bis zur Wahl in Bayern im Zeitraffer stattfinden und die politische Kommunikation in einer großen Dynamik verändern. Dies ist aber nur ein komprimiertes Beispiel der generellen Entwicklung der politischen Kommunikation in funktionierenden Demokratien ähnlichen Musters. Die größere Zahl von potenziellen Regierungsparteien und die neue Medienlogik führt von einem informellen, personenbezogenen, nicht-öffentlichen und auf wenige Kräfte ausgerichteten Lobbying zu einer institutionalisierten, professionalisierten, transparenteren und auf mehrere neue Zielgruppen ausgerichteten politischen Kommunikation.
Das hat Auswirkungen auf alle Beteiligten: Unternehmen, Verbände, Parteien, aber auch Kommunikationsberater und Interessenvertreter. Die Notwendigkeit einer Systematisierung der politischen Kommunikation trifft alle Beteiligten gleichermaßen. Die Planung kommunikativer Vorhaben, die Diversifizierung aller Aktionen auf verschiedene Zielgruppen und nicht zuletzt die höhere Transparenz aufgrund der gestiegenen Zahl der Beteiligten und der neuen medialen Möglichkeiten sind Teil der Entwicklung. Jedes Handeln der Kommunikation wird in deutlich stärkerer und anderer Weise den Bürger mit einbeziehen müssen, um die Vorhaben in der Öffentlichkeit abzusichern und dies den entscheidenden Politikern auch zu vermitteln. All diese Prozesse bringen vor allem eines hervor: Die Professionalisierung der gesamten politischen Kommunikation, zusammengefasst in vier zentralen Schlagworten: Institutionalisierung, Professionalisierung, Transparenz und Geschwindigkeit.
Der ausführliche Beitrag ist dokumentiert in politik&kommunikation Heft 2/2012

